Eine Welt aus Tasten, Hören, …

… Riechen und Schmecken

Es war ein normaler Vormittag in der Naturwissenschaftsstunde, als plötzlich die Tür aufging. Eine Frau betrat den Raum, an ihrer Seite ein Hund, der aufmerksam jeden Schritt beobachtete und daneben ihr Mann. Die Frau stellte sich als Marissa Sommer vor. Schon in den ersten Sekunden wurde klar: Heute erleben wir etwas, das unsere Sicht auf die Welt verändern wird. Nicht durch Wissenschaft oder Zahlen, sondern durch eine Begegnung, die uns zeigt, wie andere Menschen ihre Umgebung wahrnehmen.
Marissa ist seit über 20 Jahren blind. 2001 verlor sie fast ihr ganzes Sehvermögen, 2005 wurde sie komplett blind und 2011 bekam sie sogar Augenprothesen (manche sagen „Glasaugen“ dazu). Heute ist sie 64 Jahre alt und hat eine Tochter, die, als sie erblindete, erst elf Jahre alt war.
Auch wenn ihre Tochter jetzt selber schon eine erwachsene Frau ist, sagt sie, dass sie unbedingt weiterhin ein selbstbestimmtes Leben führen möchte, Mutter bleiben will und für ihre Tochter und vielleicht mal deren Enkel da sein will und nicht umgekehrt.

Marissa erzählt uns von ihrem Alltag: „Wenn ich Kleider einkaufe, fühle ich erst einmal den Stoff. Und wenn ich weitere Hilfe brauche, frage ich an der Info. Die Leute dort kennen mich schon und helfen gerne.“ Draußen geht sie nur Wege, die die sie gut auswendig gelernt hat. „Kochen kann ich aber immer noch richtig gut. Bei Kartoffeln höre ich zum Beispiel am Geräusch, wann sie fertig sind!“ Sie benutzt außerdem einen Wecker. Ich fand das beeindruckend, weil man merkt, wie viele Tricks man finden kann.
Sie leitet auch einen Verein, in dem sie die erste Vorsitzende ist und wo sie gerne Zeit verbringt. „Auch sonst bin ich viel unterwegs“, strahlte sie, „mit Freunden gehe ich Kegeln oder Wandern. Dafür haben wir sogar eine eigene WhatsApp-Gruppe!“ Marissa geht auch oft ins Theater. Solche Sachen macht sie super gerne.

Sie zeigte uns die App „Be My Eyes“. Da können Blinde einfach eine sehende Person anrufen, die zum Beispiel das Haltbarkeitsdatum einer Milch liest oder die einen Namen an einer Klingelanlage sucht, so dass man auf den richtigen Knopf drückt. Wenn eine Person nicht drangeht, kommt sofort eine nächste dran. Ich fand das total praktisch und richtig toll, da das freiwillige Sehende Leute tun, um Blinden zu helfen. Jeder kann bei dieser App mitmachen und so ganz leicht Menschen helfen, noch selbstständiger in ihrem Alltag zu werden.

Damit wir selbst ausprobieren konnten, wie es sich anfühlt, blind zu sein, bekamen wir Simulationsbrillen und später auch Stöcke. Bei den Brillen verdeckten dunkle Flecken ganze Teile des Sichtfeldes und bei einer Brille hatte ich das Gefühl, als würde ich in einer undurchdringlichen Nebelwand stehen: Ich sah zwar ganz diffus einige Farben, aber sonst gar nichts mehr. So sähe man mit nur 10 Prozent Sehkraft. Blind ist das aber noch nicht… Trotzdem verliert die Welt ihre Sichtbarkeit.
Als ich die Augen zumachte und versuchte, mit dem Stock zu gehen, hatte ich richtig Angst, irgendwo gegenzulaufen. Eine Freundin von mir, Chahd, meinte dazu: „Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, als würde der Raum immer kleiner werden.“ Das ging vielen so. Der Boden fühlte sich irgendwie ganz anders an. Eine andere aus meinem Kurs sagte: „Ich habe gedacht, das wird leicht, aber ich war komplett unsicher. Ich habe sogar gemerkt, wie ich immer nervöser wurde.”

 

Es war auf jeden Fall eine Erfahrung, die man nicht vergisst. Danach zeigte Marissa uns auch die Blindenschrift Sie erzählte, dass sie damit alles lesen kann: Bücher, Etiketten oder sogar Beschreibungen auf Lebensmitteln. Die Blindenschrift besteht aus kleinen Punkten, die man mit den Fingern fühlt. Für sehende Menschen sieht das erst einmal wie ein Muster aus, aber für Blinde ist das wie eine eigene Schrift. Marissa sagte, dass sie früher ganz normal gelesen hat und später erst lernen musste, mit den Fingern zu lesen. Das war am Anfang natürlich sehr schwer für sie. „Aber ich sage euch: Wenn ich vor meiner Erblindung geglaubt hatte, ich würde gut hören oder fühlen, dann ist das ein Witz: Erst jetzt weiß ich, dass die anderen Sinne den Sehsinn mehr als ersetzen. Ich höre bestimmt besser als die meisten anderen Menschen, weil ich auf die anderen Sinne so angewiesen bin.“

Etwas später erklärte sie uns auch das Sehbehindertenzeichen, das gelbe Schild mit den drei schwarzen Punkten darauf. Viele kennen es, aber wissen nicht, was es bedeutet. Dieses Zeichen zeigt an, dass eine Person nicht gut sehen kann oder blind ist. Es hilft anderen Menschen, vorsichtiger zu sein und Rücksicht zu nehmen, zum Beispiel im Bus, auf der Straße oder im Supermarkt. Marissa sagte, dass dieses Zeichen wichtig ist, weil man Blindheit nicht immer sofort sieht. Es erinnert andere daran, zu helfen, Platz zu machen oder einfach geduldig zu sein. So ein kleines Symbol kann dafür sorgen, dass der Alltag für sehbehinderte Menschen leichter und sicherer wird.

Marissa erzählte uns eine Geschichte aus dem Supermarkt. Sie wollte Himbeeressig kaufen und bat eine Verkäuferin um Hilfe. Die Verkäuferin redete aber einfach mit der Begleitperson, als wäre Marissa gar nicht da. Ihre Begleitung ist dann weggegangen, damit klar war, dass Marissa selbst gefragt hatte. Die Verkäuferin war ziemlich peinlich berührt. Marissa sagte dazu: „Wir sind blind, nicht unsichtbar.“ Das hat uns alle zum Nachdenken gebracht.

Nach dem Workshop habe ich ein paar gefragt, wie sie es fanden. Noah meinte: „Ich habe Respekt davor, wie Marissa ihren Alltag meistert. Ich wüsste nicht, ob ich das so könnte.“ Und ich selbst finde: Es war einer der Workshops, der uns nicht nur Wissen gebracht hat, sondern auch gezeigt hat, wie unterschiedlich Menschen die Welt wahrnehmen können.

Am Ende hat uns der Besuch gezeigt, dass man die Welt nicht nur mit den Augen wahrnimmt. Jeder sieht oder spürt seine Umgebung anders. Marissa hat uns gezeigt, dass man auch ohne Sehen ein selbstständiges und gutes Leben führen kann.
Amira Moussaoui, 9b